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(Buchauszug aus der Vollausgabe) von Dr. Paul Schmidgall


Dr. Paul Schmidgall ist Rektor des Europäischen Theologischen Seminars in Freudenstadt-Kniebis und unterrichtet Griechisch, Hebräisch und Neues Testament.


4.2.2 Heiligung


John Wesley (1703-1791) wird als der Vater der Theologie der Heiligung angesehen.  Das Verständnis Wesleys von der Gerechtigkeit aus dem Glauben setzte sich zusammen aus den beiden Aspekten Rechtfertigung (justification) und Heiligung (sanctification). Beim jungen Wesley wird Heiligung einmal als andauernder Prozess, dann auch wieder als einmaliges Krisenerlebnis verstanden. Erst ab 1772 betonte er konsequent das einmalige Krisenerlebnis als punktuellen Zweiten Segen (second blessing). Doch auch diese „zweite Segenserfahrung“ wird dann gefolgt von einem andauernden Heiligungsprozess.  John William Fletcher (1729-1785) hat dann dieses Heiligungsverständnis pfingstlich angereichert. Er bezeichnete diese zweite Segenserfahrung als eine Pentecostal Baptism of the Holy Ghost (Pfingstliche Taufe im Heiligen Geist).  Wesley selbst widerstand aber dieser Gleichsetzung der zweiten Segenserfahrung mit der Taufe im Heiligen Geist mit der Begründung: „Diese Ausdrucksweise ist nicht schriftgemäß und nicht genau genug, denn sie 'empfingen alle den Heiligen Geist' als sie gerechtfertigt wurden.“

Im 19. Jahrhundert wurde der Methodismus in den USA, als Nachfolger des Puritanismus, zur stärksten religiösen Strömung. Zunächst lag dabei die Hauptbetonung, insbesondere im Kontext der Ausdehnung des Landes nach Westen hin, auf der Predigt der Bekehrung. Die Heiligung wurde dann aber ab 1825 wieder bedeutsam. In diesem Jahr veröffentlichte die Methodist Episcopal Church die Broschüre des Bostoner Pastors Timothy Merritt, „The Christian's Manual; a Treatise on Christian Perfection, with Directions for Obtaining That State.”  Dieses Büchlein wurde, ganz besonders in seiner Version von 1839, „Guide to Christian Perfection“ (Einführung in die christliche Vollkommenheit), zum Leitfaden für die Heiligungsbewegung innerhalb des Methodismus. Eine weitere wichtige Vertreterin der Heiligungsbewegung dieser Zeit war Phoebe W. Palmer (1807-74), die Frau eines New Yorker Arztes. Sie begann ab 1835 „Tuesday Meetings for the Promotion of Holiness”. In diesen Hauskreisen zur Förderung der Heiligung, die übrigens ab 1839 auch für Männer geöffnet worden waren, wurde die Wichtigkeit der Heiligung propagiert.  Um die gleiche Zeit (1836) begann man auch am Oberlin College die Frage der Heiligung zu diskutieren. Die Professoren Asa Mahan (1800-1889), Rektor der Schule, und Dozent Charles G. Finney (1792-1873) begannen die Heiligungstheologie methodistisch zu lehren, obwohl Oberlin eine reformierte Lehranstalt war. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Veröffentlichung von „The Baptism of the Holy Ghost“ durch Asa Mahan im Jahre 1870, in der er die Geistestaufe mit der Heiligungserfahrung in Verbindung brachte.

Auch die Erweckungsjahre von 1857-58 haben dazu geführt, dass in den USA die Lehre von der Heiligung in den verschiedensten christlichen Kreisen verbreitet wurde. Bedeutende Vertreter der Heiligungstheologie waren:

a) Thomas Upham (1799-1872) – Kongregationalist
b) William E. Boardman (1810-1886) – Presbyterianer
c) A.B. Earle – Baptist
d) Charles Cullis (1833-1892) – Episkopalkirche

Verstärkt betont wird in dieser Phase der punktuelle und teleologische Aspekt der Heiligung. Der Gedanke einer fortschreitenden Heiligung wird mehr und mehr ersetzt durch die Darstellung derselben als ein punktuelles Krisenerlebnis, das als Ziel angestrebt und erreicht werden muss.

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1862-65) wurde dann auch mehr und mehr die pfingstliche Terminologie verwandt, um die zweite Segenserfahrung zu beschreiben. Ganz besonders einflussreich war in diesem Sinne die „National Camp Meeting Association for the Promotion of Holiness“, die ihre Anfänge in Vineland, New Jersey, im Juli 1867 hatte, und das Buch von Asa Mahan, „The Baptism of the Holy Ghost“ aus dem Jahre 1870, in dem das Heiligungserlebnis mit dem Begriff „Geistestaufe“ belegt wurde.  Etwas anders wurde allerdings das Erlebnis des „zweiten Segens“ von den Anhängern der Erweckungsbewegung interpretiert. Ihre Anhänger verstanden dieses Krisenerlebnis nicht so sehr als Heiligungserfahrung, sondern vielmehr als eine Ausrüstung zum Dienst. Diese Betonung vertraten u.a. Charles Finney (1792-1873), Dwight L. Moody (1837-99), Reuben Archer Torrey (1858-1928) und J. Wilbur Chapman.  In der Oxford/Keswick-Bewegung in England (ab 1874) haben wir dann eine vermittelnde Position zwischen den Vertretern der Heiligungsbewegung und der Erweckungsbewegung. In Keswick betonte man auf der einen Seite im Zusammenhang mit dem zweiten Segen mehr den Aspekt der Heiligung als dies Torrey und Moody taten, auf der anderen Seite aber befürworteten sie aber auch keinen überzogenen Perfektionismus.

Die Heiligungskonferenz von Oxford im Jahre 1874 resultierte in der Formierung der Heiligungsbewegung in England (Keswick), Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Der entscheidende Durchbruch im deutschsprachigen Raum gelang jedoch vor allem durch die o.g. „Triumphreise“ Pearsall Smiths im April und Mai des Jahres 1875.  Die wichtigsten Persönlichkeiten der deutsch-sprachigen Heiligungsbewegung waren Carl Heinrich Rappard (1837-1909), Otto Stockmayer (1838-1917), Theodor Jellinghaus (1841-1913) und Freiherr Julius von Gemmingen (1838-1912).  Dogmatiker der deutschen Heiligungsbewegung war Theodor Jellinghaus. 1880 veröffentlichte er das wichtigste Buch der deutschen Heiligungsbewegung: „Das völlige, gegenwärtige Heil durch Christum.“  Dieses umfangreiche Werk, das bis 1903 in fünf Auflagen erschienen ist, vertritt im Sinne von Oxford/Keswick eine moderate Heiligungstheologie. Es lehnt auf der einen Seite Luthers „simul iustus et peccator“ auf der anderen Seite aber auch einen Perfektionismus ab. Zentrum der Heiligungsbewegung wurde Blankenburg in Thüringen, wo sich ab 1886 ihre Vertreter in den jährlichen Allianzversammlungen trafen. Die Heiligungslehre kam somit hauptsächlich in den Blankenburger Konferenzen und im deutschen Osten zur Geltung. Ihre Anhänger bildeten den älteren Gnadauern gegenüber einen geschlossenen Flügel, der in den vereinigten Brüderräten tief in den deutschen Verband hineinreichte.

Für die Verbreitung der Heiligungslehre in der deutschen Pfingstbewegung war Jonathan Paul von größter Wichtigkeit. Schon eine Dekade vor der Entstehung der deutschen Pfingstbewegung (1898) hatte er als Befürworter der Heiligungsbewegung eine eigene Zeitschrift mit dem Namen „Heiligung“ herausgegeben in der er seine Heiligungstheologie propagierte. Ab 1904 hat sich seine Heiligungslehre weiter radikalisiert, so dass seine Theologie der Lehre von der Sündlosigkeit sehr nahe kam.  Jonathan Paul, als Vater der deutschen Pfingstbewegung, hat dann ab 1907 seine Heiligungstheologie auch im Kontext der deutschen Pfingstbewegung vertreten. Letztlich haben sich aber wichtige Vertreter der Heiligungsbewegung und der Pfingstbewegung zumindest von Teilen der Heiligungstheologie distanziert: Otto Stockmeyer schon im Jahre 1909, Theodor Jellinghaus 1912 und Jonathan Paul gleich nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1919.  Dennoch bleibt es für Deutschland eine historische Tatsache, dass die Lehre der Heiligung im Kontext der Heiligungsbewegung entwickelt und propagiert und insbesondere durch Jonathan Paul auch in der Pfingstbewegung rezipiert, kontextualisiert und publiziert wurde. 

 

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Quellenverweise:
Donald W. Dayton, Theological Roots, 34-62; Stephan Holthaus, Heil – Heilung – Heiligung, 13-25; Paul Schmidgall, 90 Jahre deutsche Pfingstbewegung, 29-32.
Orville S. Walters, “The Concept of Attainment in John Wesley’s Christian Perfection”, in: Methodist History 10 (April 1972, 12-29.
Donald W. Dayton, Theological Roots, 49. 
Brief von John Wesley an John Fletcher vom 28. Dez. 1770, in: Wesley’s Letters, John Telford (Hrsg.), 5:214-15 („the phrase in that sense is not scriptural and not quite proper; for they all 'received the Holy Ghost' when they were justified.“)
Anonymous, The Christian’s Manual, a Treatise on Christian Perfection, with Directions for Obtaining That State, New York: N. Bangs and J. Emory for the Methodist Episcopal Church, 1825 (Ein christliches Manual. Eine Abhandlung über die christliche Vollkommenheit, mit Anleitungen dieselbe zu erlangen.)
Donald W. Dayton, Theological Roots, 65-66. 
Asa Mahan, The Baptism of the Holy Ghost, New York 1870.
Donald W. Dayton, Theological Roots, 67-68.
Donald W. Dayton, Theological Roots, 70.
Donald W. Dayton, Theological Roots, 76-79, 88-89.
Donald W. Dayton, Theological Roots, 100-104.
D.W. Dayton, Theological Roots, 104-106.
Karl Heinz Voigt, Die Heiligungsbewegung zwischen Methodistischer Kirche und Landeskirchlicher Gemeinschaft. Die „Triumphreise“ von Robert Pearsall Smith im Jahre 1875 und ihre Auswirkungen auf die zwischenkirchlichen Beziehungen, Wuppertal 1996; Stephan Holthaus, Heil – Heilung – Heiligung, 57-90.
Stephan Holthaus, Heil – Heilung – Heiligung, 125-168.
Theodor Jellinghaus, Das völlige, gegenwärtige Heil durch Christum, Basel 1880.
Paul Fleisch, Die moderne Gemeinschaftsbewegung, I, 364.
Thomas Finis, A Quest for Holiness, 69-75, 89; Christian Hugo Krust, 50 Jahre deutsche Pfingstbewegung, 76; vgl. Stephan Holthaus, Heil – Heilung – Heiligung, 556-63. 
Thomas Finis, A Quest for Holiness. An Examination of the Weaknesses of German Evangelicalism around the Time of the Berlin Declaration (1909) as exemplified by the Gnadau Union, Brunel University MTh-Thesis (1998), 63-93.
Stephan Holthaus, Heil – Heilung – Heiligung, 554-563.
                           





 
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