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3.4.  Systematische Theologie

Wie wir gesehen haben, ist es somit möglich von Lukas ausgehend für den gesamten Bereich des Neuen Testamentes ein charismatisches Wirken des Heiligen Geistes nach der Bekehrung im Sinne einer besonderen Ausrüstung zum Dienst zu konstatieren. Gemäß Lukas kann diese Erfüllung mit dem Geist mit dem Begriff "Geistestaufe" (Lk 3,16; Apg  1,5; 11,16) belegt werden [47]. Das pfingstliche Proprium der Geistestauflehre steht somit auf dem Fundament des Neuen Testamentes.

Die pfingstliche Lehre der Zungenrede als erstes Zeichen der Geistestaufe ist für viele aber ein Glaubenssatz, der zu weit geht und nicht abschließend exegetisch und biblisch-theologisch begründet werden kann. Auch Menzies ist sich dieser Problematik bewusst und betont, dass diese Frage im Neuen Testament überhaupt nie in dieser Form aufgeworfen wurde und somit den Rahmen der biblischen Theologie sprengt. Hier handelt es sich um eine Lehre, die im Bereich der systematischen Theologie verankert ist. Hierbei ist es nicht mehr wichtig in jedem Bericht über die Geistestaufe die Zungenrede als Initialzeichen exegetisch nachweisen zu können. Dies ist aber auch nicht notwendig um einen Glaubenssatz zu formulieren, der eine gewisse Regel konstatieren möchte. Ein Zeichen muss nicht in jedem einzelnen Fall gegeben sein, um von einer Regelmäßigkeit sprechen zu können, die dann in einem Glaubenssatz artikuliert wird. Dennoch muss die Grundlage eines jeden Glaubenssatzes das Wort Gottes sein. In diesem Sinne betont Menzies, dass die pfingstliche Lehre der Geistestaufe mit der Zungenrede als erstem Zeichen ohne weiteres von der Pneumatologie des Lukas abgeleitet werden kann [48]. Lukas führt, wie wir oben gesehen haben, als "Beweise" für die Geistestaufe drei Dinge an: Zungenrede, prophetische Rede oder sichtbare Zeichen [49].

Ausgesprochenen Zeichencharakter hat von diesen drei "Beweisen" aber nur die Zungenrede [50]. Die sichtbaren Zeichen in Apg 8,17 werden leider nicht definiert oder erklärt und sind somit für die Formulierung eines Dogmas ungeeignet. Sichtbare Zeichen, wie Wind und Feuer, wie wir sie in Apg  2,1-4 haben, deuten zwar auf die Gegenwart Gottes hin, haben aber, wie wir oben schon gesehen haben, im Umfeld der Geistestaufe nur subsidiäre Bedeutung und sind für die Formulierung eines Dogmas ungeeignet. Prophetische Rede ist ambivalent, weil es nicht immer unzweideutig möglich ist zu entscheiden, ob es sich nun wirklich um ein prophetisches Wort oder nur einen persönlichen Beitrag einer Person handelt.

Als unzweideutiger Beweis für die Geistestaufe, der auch in der Formulierung eines Glaubenssatzes Verwendung finden könnte, konnte nach Lukas also nur das Reden in anderen Zungen dienen [51]. Wer diesen Glaubenssatz (Zungenrede als erstes Zeichen der Geistestaufe) ablehnt, weil er so nicht expressis verbis im Neuen Testament artikuliert wird, muss daran erinnert werden, dass auch die Trinitätslehre nirgendwo im Neuen Testament expressis verbis konstatiert wird und an manchen Stellen des Neuen Testamentes sogar durch das Schema "widersprochen" wird (z.B.: Jakobus 2,19: heis estin ho theos/Adonai ächad hu). Niemand würde aber deshalb die Trinitätslehre ablehnen. Wir sind aber aufgefordert theologische Positionen auch weiterhin zu diskutieren [52]. In diesem Sinne muss auch pentekostale Theologie weiter diskutiert werden und muss sich auch in Frage stellen lassen. Das heißt aber nicht, dass sie wichtige Grundlehren aufgeben sollte, nur weil sie so nicht expressis verbis im Neuen Testament artikuliert wurden. Denn  obwohl jegliche Festlegung eines Dogmas mit dem biblisch-exegetischen Befund beginnen muss, müssen dann aber auch noch weitere theologische Erwägungen mit herangezogen werden [53]. 

Im Folgenden sollen einige Gründe erwähnt werden, warum für die klassische Pfingstbewegung  die Geistestauflehre von größter Wichtigkeit ist.

1. Teleologische Theologie. In der pfingstlichen Theologie wird die Geistestaufe als eine Ausrüstung zum Dienst des Gläubigen gesehen, die in einer energisch-drängenden Haltung von Gott erbeten wird (Lk 11,9-13). Beim Durchbeten zur Geistestaufe, wobei immer der Geber der Gabe wichtiger bleiben muss als die Gabe selbst, entwickelt der Gläubige eine teleologische Theologie: er lernt gezielt für etwas zu beten und zu glauben. Diese aktive Gebetshaltung bei der Bitte um die Geistestaufe wird dann auch in einem energischeren missionarischen Verhalten reflektiert [54]. 

2. Missiologie. Was die Pfingstbewegung im letzten Jahrhundert missionarisch so effektiv machte, war nämlich gerade die Betonung der klassischen Geistestauflehre. Insbesondere auf zwei Ebenen wurde das Zungenreden zu einer Quelle geistlicher Kraft. Auf der einen Seite wurden die Gläubigen dadurch gestärkt für ihren missionarischen Dienst um energisch und mit Ausdauer und Kühnheit zu evangelisieren selbst wenn sie in der Minderheit waren und immensen Schwierigkeiten gegenüberstanden,  auf der anderen Seite war das Gebet im Geist eine Macht im Kampf gegen die Bollwerke Satans. Durch die Macht des Gebets war es möglich Ungläubige aus den Bindungen Satans zu befreien [56].

In diesem Zusammenhang wurde wegen dem geringen Wachstum der Pfingstbewegung in Europa bisweilen die Frage gestellt: Sind wir in Europa klein geblieben, weil wir die klassische pfingstliche Lehre verwässert haben [57]? Andere Kirchen haben vielleicht noch nie die enge Verbindung von Pneumatologie und Missiologie erkannt. Aber als Vertreter lukanischer Theologie sollten wir uns, genauso wie Lukas es in seiner Zeit tat, einem Wandel der Kirche von einer Missionsbewegung in eine Sakramentalkirche widersetzen und weiterhin vermehrt die Ausrüstung mit Kraft für Mission und Evangelisation betonen. Das erstaunliche Wachstum der Pfingstbewegung während dem letzten Jahrhundert bezeugt m.E. die Wichtigkeit des lukanischen Ansatzes, der die Bedeutung des Heiligen Geistes für effektive Evangelisation betont. Wir müssen an der lukanischen Pneumatologie festhalten, selbst wenn sie von  Theologen anderer Kirchen kritisiert wird [58]. Die Kirchengeschichte des letzten Jahrhunderts beweist es deutlich, dass unsere Theologie Einfluss hat auf unser Wachstum:

a) Die Church of God in Christ trennte sich 1908 von der Heiligungskirche Church of Christ wegen der Frage der Geistestauflehre. 1990 hatte die Church of Christ 15.000 Mitglieder und die Church of God in Christ 3.7 Millionen Mitglieder in den USA [59].

b) Die Heiligungskirche "Christian and Missionary Alliance" (Missions-Allianz Kirche) wurde im Jahre 1887 gegründet. Beim Aufkommen der Pfingstbewegung verhielt sie sich neutral ("seek not, forbid not") gegenüber der Geistestauflehre und verlor viele ihrer Mitglieder an die Assemblies of God, die 1914 gegründet wurde und eine klassische Geistestauflehre vertrat. Heute hat die CMA etwa zwei Millionen Mitglieder weltweit, die Assemblies of God über 30 Millionen.

c) Die Pfingstbewegung Mülheimer Prägung in Deutschland, die nach den pfingstlichen Aufbrüchen der Anfänge mehrere Zehntausend Gläubige zählte, hat  nie die klassisch-pfingstliche Geistestauflehre vertreten. Schon bald bildeten sich deshalb in Deutschland freikirchliche Pfingstgemeinden, die nicht wie Pfarrer Jonathan Paul "mit gezogener Handbremse fahren" wollten (Schilling). Der Mülheimer Verband zählt in Deutschland heute etwa 3.000 Mitglieder, die freikirchliche Pfingstbewegung, die m.E. heute noch die klassische Pfingsttheologie vertritt, hat 50.000 Mitglieder, obwohl sie sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg  organisatorisch konsolidiert hatte.

3. Ekklesiologie. Im Einklang mit der radikalen reformatorischen Theologie finden wir bei charismatischen und evangelikalen Gläubigen eine paulinische Geistestauflehre, die als ein Aspekt der Bekehrung verstanden wird. Evangelikale, die von der methodistischen Theologie her geprägt sind, verstehen die Geistestaufe als ein besonderes Heiligungserlebnis im Sinne der Geistestauflehre von 1870-1900 im Kontext der Heiligungsbewegung [60]. So wichtig wie diese beiden Ansätze auch sein mögen, das Anliegen des Lukas, der von einer Geistestaufe nach der Bekehrung für die Ausrüstung zum Dienst spricht, bleibt damit weitgehend unberücksichtigt. Damit die Wichtigkeit der Geistestaufe als donum superadditum für die Mission und Evangelisation weiterhin deutlich vertreten und dargestellt wird, muss die Pfingstbewegung an dieser Position festhalten. Andere Geistestauflehren sollen nicht unberücksichtigt bleiben, aber die Pfingstbewegung hat die theologische Verantwortung im Gesamtgepräge des kirchlichen Spektrums den Ansatz des Lukas auch weiterhin zu betonen. Wenn der pfingstliche Teil der evangelikalen Christenheit diese Lehre nicht weiter hoch hält, wird sie vielleicht als ein wichtiger Aspekt neutestamentlicher Theologie in Vergessenheit geraten.

4. Soziologie. In der Postmoderne sind drei Konzepte von größter Wichtigkeit: Erfahrung, Spiritualität und Verifizierbarkeit. Keine Erfahrung verbindet diese drei Elemente besser als die Erfahrung der Geistestaufe mit dem anfänglichen Zeichen der Sprachenrede. Dies ist u.a.m. ein wichtiger Grund, der die pfingstliche Botschaft relevant und attraktiv macht für die Menschen der Postmoderne. Schon lange bevor Theologen auf die Pfingstbewegung aufmerksam wurden, haben Soziologen auf das Wachstumspotential der Pfingstbewegung hingewiesen, weil sie besser als andere Kirchen auf die soziologischen Grundbedürfnisse der Postmoderne eingehen [61]. Die Pfingstbewegung sollte natürlich nie primär auf ihre soziologische Relevanz setzen, darf aber bei allen theologischen Erwägungen diesen bedeutenden Aspekt nicht unberücksichtigt lassen [62]. 

4. Zusammenfassung

Die deutsche Pfingstbewegung vertritt aus theologischen, missiologischen, ekklesiologischen und soziologischen Gründen m.E. auch heute noch die klassisch-pfingstliche Lehre der Geistestaufe.

Es ist aber auch festzuhalten, dass sich die deutsche Pfingstbewegung als integraler Teil der evangelikalen Christenheit sieht und somit auch andere Geistestauflehren als gleichwertig stehen lässt. Es ist nur wichtig zu wissen, was zur Diskussion steht. Die semantische Frage muss geklärt sein: Reden wir von einer Geistestaufe im Sinne der Bekehrung nach Paulus oder im Sinne der Heiligungsbewegung als eine Heiligungserfahrung, oder ist es die Geistestaufe als donum superadditum nach Lukas [63].  

Zur Lehre der Zungenrede als Initialzeichen der Geistestaufe, muss folgendes angefügt werden. Obwohl auch in charismatischen Kreisen die Zungenrede oft als Zeichen der Geistestaufe verstanden wurde, haben Pfingstgläubige auch volles Verständnis, wenn die Zungenrede nicht von allen Gläubigen als anfängliches Zeichen gesehen wird. Denn Lukas führt eben doch auch drei Erkennungsmerkmale, nämlich, Zungenrede, prophetische Rede oder andere sichtbare Zeichen an. Mancher Pfingstgläubige nimmt gerne ein bisschen Ambivalenz in Kauf und formuliert die Zeichenfrage für sich nicht konsequent systematisch theologisch sondern eher lukanisch biblisch.  In England, z.B. folgen der klassischen pfingstlichen Formulierung 81% der Assemblies of God und 42% der Elimbewegung [64]. Umfragen in Deutschland würden meiner Meinung nach ähnliche Ergebnisse ergeben [65].

Wenn Sie weitere Informationen zu diesem Thema erhalten möchten oder Fragen zu diesem Beitrag haben, so richten Sie bitte Ihre Anfrage an Dr. Paul Schmidgall.


47 Natürlich bezeichnet analog dazu der gleiche Begriff im paulinischen Sinne auch das Hinzugefügtwerden zum Leibe Christi. Die Verwendung des Begriffes im Sinne der Heiligungsbewegung (Geistestaufe=Heiligung) kann dagegen nicht direkt vom NT abgeleitet werden.

48 Robert P. Menzies, Empowered for Witness, S. 251: "… the doctrine of 'tongues as initial evidence', although not explicitly found in the New Testament, is an appropriate inference drawn from the prophetic character of the Pentecostal gift and the evidential character of tongues-speech."

49 Vgl. oben, S. 4-5.

50 Nach Robert P. Menzies, Empowered for Witness, S. 250 ist das lukanische Geistverständnis am besten definiert mit dem Konzept "Spirit of Prophecy", das die drei Elemente "intelligible speech, unintelligible speech (glossolalia) and charismatic revelation" umfasst.

51 Robert P. Menzies, Empowered for Witness, S. 250-51.

52 Karl Barth, Dogmatik im Grundriss, Zürich, 1947, S. 9: Dogmatik ist die Wissenschaft, in der sich die Kirche entsprechend dem jeweiligen Stand ihrer Erkenntnis über den Inhalt ihrer Verkündigung kritisch, d.h. am Maßstab der hl. Schrift und nach Anleitung ihrer Bekenntnisse Rechenschaft gibt. Es liegt mir natürlich ferne die Lehre der Zungenrede in ihrer Wertigkeit auf die gleiche Ebene zu stellen wie die Trinitätslehre. Es geht mir nur darum aufzuzeigen, dass Glaubenssätze sowohl auf exegetischen als auch auf theologischen Gesichtspunkten basieren.

53 Colin Dye, Are Pentecostals Pentecostal, S. 67.

54 William und Robert Menzies, Pfingsten und die Geistesgaben, S. 169. Dieser von Menzies betonte Aspekt trifft natürlich nicht in jedem Fall zu, da Gott schon nach einem einmaligen Gebet die Geistestaufe schenken kann, er zeigt aber dennoch einen Unterschied zur charismatischen Bewegung auf, in der Geistesgaben als Geschenke empfangen werden und eine i.d.R. passivere Gebetshaltung zu verzeichnen ist.

55 Flames of Fire 1:10 (Februar 1913), S. 43.

56 Flames of Fire 3:38 (Mai 1916), S. 40.

57 Colin Dye, Are Pentecostals Pentecostal?, S. 56-80. So wurde z.B. weder in Deutschland (Mülheimer Verband) noch in England (Elim) von den wichtigsten Pfingstkirchen der Anfänge die klassische Pfingsttheologie vertreten.

58 John Michael Penney, The Missionary Emphasis, S. 124.

59 Vinson Synan, "The Role of  Tongues as Initial Evidence" in: World Pentecost (1997/52), S. 16.

60 Asa Mahan, The Baptism of the Holy Ghost.

61 Vgl. H. Cox, Fire from Heaven: The Rise of Pentecostal Spirituality and the Reshaping of Religion in the Twenty-first Century. Reading, 1995; Robert Mapes Anderson. Vision of the Desinherited. The Making of American Pentecostalism. Oxford: University Press, 1979; Eldin Villafane, The Liberating Spirit: Toward an Hispanic American Pentecostal Social Ethic. Grand Rapids: Eerdmans, 1993; Thomas Kern, Zeichen und Wunder. Frankfurt, 1997.

62 Forum Freikirchlicher Pfingstgemeinden in Deutschland, Hg., Neunzig Jahre Pfingstgemeinden in Deutschland, Freudenstadt, 1997, S. 3.

63 Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass auch Pfingsttheologen (Fee) bisweilen von dem Konzept der "subsequence" abgerückt sind, wenn unter dem Begriff "Heil" im weitesten Sinne nicht nur die Bekehrung sondern alle anderen weiteren Gnaden- und Geistzuwendungen verstanden wurden. Bei einer gleichzeitigen Erweiterung des Begriffes "spirit of prophecy" (Im Sinne von Max Turner ist der Geist der Prophetie wirksam bei Initial- und Sekundärerfahrungen) könnte auf dieser Basis pfingstliche und evangelikale Theologie evtl. zu einem Konsens gelangen.

64 William K. Kay, "The 'initial evidence': implications of an empirical perspective in a British context", (JEPTA XX, 2000), S. 25-31.

65 Die Formulierung der größten deutschen Pfingstkirche (BFP) ist deshalb auch absichtlich offen gehalten: "Wir glauben an die Taufe in den Heiligen Geist nach Apostelgeschichte 2,4." Die Problematik mit einer derartigen Formulierung ist lediglich, dass Apg 2,4 die Geistestaufe nicht expressis verbis erwähnt und somit theologisch unpräzise ist. Eine Formulierung, die gemäß dem lukanischen Gesamtbefund (Zungenrede, Prophetie, Zeichen) oder dem Ansatz Menzies (intelligible speech, unintelligible speech (glossolalia), charismatic revelation) formuliert, wäre vorzuziehen: "Das Reden in anderen Sprachen, die prophetische Rede oder charismatische Offenbarungen sind die Zeichen der Geistestaufe."

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